Veronika Potaturko traf sich mit diesem außergewöhnlichen Paar in Minsk. In diesem Interview sprechen Anna und Luca von ihren Programmen, neuen Herausforderungen und Plänen. Sie berichten über ihre Eiskunstlauferfahrungen, die sie in allen diesen Jahren gemacht haben, schließlich hatten sie viele Höhe und Tiefen erlebt, Europa- und Weltmeisterschaft gewonnen. Sie entwickeln  sich immer weiter und möchten immer neue Seiten aufschlagen.

Können Sie etwas über Ihre Programme für diese Saison berichten?

Anna: Für unseren Kurztanz wollten wir eine Latina finden, die sich von unseren früheren lateinamerikanischen Programmen unterscheidet. Wir sind Sportler, die gerne experimentieren und wir mussten zum dritten Mal einen lateinamerikanischen Tanz gestalten. Aber wir sind sicher, dass wir noch etwas Neues zeigen können. Wir haben sehr viel Energie und sind begeistert, auch im diesem olympischen Saison Latina zeigen zu können. Wir wollen etwas zeigen, was neu ist, viel moderner.

Dafür haben wir mit einem Tänzer zusammengearbeitet, der sich auf Latina spezialisiert. Er ist der Sieger der italienischen Version von “Dancing with the stars”. Er ist ein sehr toller Typ und kann sich uns gut anpassen. Vieles wurde zusammen erarbeitet, so dass wir im Sommer das Beste auswählen und einsetzten konnten. Es war eine sehr interessante Zusammenarbeit. Während des Programmaufbaus haben wir verstanden, dass wir irgendwo auch einen langsamen Teil in das Programm einbauen müssen, was uns ein wenig entmutigte, denn wie bereits gesagt, entfaltet das Programm viel Energie. Wir haben uns entschieden, auf diesen langsamen Teil zu verzichten und mit einem mittleren Tempo anzufangen und dann beschleunigen. Unser Training fangen wir früh an, um die Kür physisch durchzuhalten.

Luca: Für unseren Kürtanz wählten wir „La vita e Bella“ („Das Leben ist schön“) von dem Komponisten Nicola Piovani aus dem Film von Roberto Benigni aus. Wir haben uns für dieses Programm entschieden, weil es italienisch wirkt. Es ist eine wunderschöne Musik, die unglaublich zu unserem Stil passt, genauso wie es für Cappellini-Lanotte typisch ist. Beim Kurtzanz wollten wir experimentieren, weil wir uns bei den Latin-Tänzen wohl fühlen. Aber mit diesem Programm wollten wir auch die „Anna-Luca“ wieder zeigen. Es ist eine wunderschöne Liebesgeschichte. Sie hat uns persönlich berührt. Es ist schon 20 Jahre her, seit der Film, mit dem Roberto Benigni den Oscar gewann, Premiere hatte. Ich denke, es wäre ein perfektes Bild, das wir von Italien geben können, sowie ein perfektes Bild, das wir von uns zeigen möchten. Wir können romantisch sein, ohne uns dabei ernst zu nehmen. Wir mögen Spaß haben, sowie auf dem Eis albern zu sein. Es ist interessant, diese verschiedene Stile zu zeigen. Wir haben uns entschieden, egal was passiert, egal welche Ergebnisse wir erzielen, unseren Weg zu gehen.

Wie sehen Ihre Pläne nach der Saison aus?

Anna: Es ist noch nicht offiziell, aber nach diesen Olympischen Spielen werden wir über unser Karrierende sprechen. Ich denke, wir wollen jetzt das Beste zeigen. Wir machen uns um die Ergebnisse nicht so viele Gedanken. Manchmal kann man Bewertungen nicht verstehen und ist enttäuscht. Ohne diesen Druck wäre es besser. Wir wollen selbst mit Arbeit zufrieden sein, und so laufen, dass Emotionen bei unseren Zuschauern entstehen. Wir wollen diesen Sport verlassen, mit dem Wissen, dass wir Menschen emotional erreichen zu können. Das ist unser Ziel. Eine Europa- und eine Weltmeisterschaft haben wir gewonnen, und könnten damit aufhören. Aber wir mögen, was wir tun und wir arbeiten gerne zusammen und wir sind wie eine Großfamilie geworden. Wir wollen diese vier Jahre genießen, ein anderes Kapitel aufschlagen und das Beste erreichen, was wir können.

Ist es Ihre letzte Saison oder nicht?

Anna: Es ist nicht offiziell. Wir haben erklärt, dass wir diese Entscheidung nach der Weltmeisterschaft treffen werden. Wenn es nicht die letzte Saison ist, dann die Zweitletzte. Ich kann mir aber keine weiteren vier Jahre vorstellen, das ist schon mal sicher.

Welche Schlüsse ziehen Sie aus Ihrer Erfahrung im Eiskunstlauf?

Anna: Ich denke, Eistanz ist Leidenschaft unseres Lebens. Als Kinder haben wir viele Eiskunstläufer uns angeschaut und wir haben stets davon geträumt, einmal genauso wie diese Läufer in den Videos zu werden. Wir haben viele Jahre daran gearbeitet, um uns zu entwickeln. Es ist ein Traum, der wahr geworden ist. Es hat auch viele schwere Zeiten gegeben, aber so ist das Leben. Es ist wunderschön, aber es gibt Höhen und Tiefen und wir haben gelernt, damit umzugehen, wie man zusammenhält und Probleme bewältigt. Auch Probleme in unserem Privatleben, Probleme zwischen uns, das Leben besteht generell Herausforderungen, die man zu lösen hat. Wir haben gelernt, damit umzugehen. Wir denken, wir sind durch die erstaunliche Achterbahn unserer Eislaufkarriere erwachsen und reif geworden.

Luca: Unser Leben ist Eiskunstlauf. Wir erlebten viele schöne Momente aber es gab auch schwierige Momente, die uns geformt haben. Es ist eigenartig sich vorzustellen, dass irgendwann unsere Sportkarriere beendet wird, das ist unser Leben. Das können wir immer noch tun. Wenn man eine Seite aufschlägt, kann es gruselig, aufregend sein, aber es wird auf jeden fall etwas Neues sein. Ich denke, es ist richtig, zu versuchen, alles zu genießen, so wie wir es in dieser Saison erleben.

Haben Sie Befürchtungen nach Verletzungen wieder auf dem Eis zu stehen?

Anna: Nein, wir hatten nie Angst. Ich glaube, wenn man geht und stolpert, steht man wieder auf und geht weiter. Wir wissen, dass ein Fehler oder etwas passiert ist, aber es wird nicht unbedingt in der Zukunft passieren. Ich würde niemals Paarläuferin werden können.

Einige meinen, Eistanzhebungen seien schwieriger als beim Paarlauf. Ist es so?

Anna: Ich denke, es ist schwieriger, weil die Paarläufer über eine sehr gute Technik verfügen, um das zu tun, was sie tun. Trainer können den Sportlern diese Technik genau vermitteln. Wenn es eher in Richtung Akrobatik geht, kann es sehr schwierig sein, ich hätte Angst davor. Im Eistanz zeigt man komplizierte Hebungen, die noch niemand vorher gezeigt hat. Man weiß nicht wirklich ob es gelingt, aber man entdeckt es auf eigene Faust, doch manchmal auf Kosten kleinerer Verletzungen.

Luca: Als Eistänzer müssen wir flexibler sein. Mein Rücken muss flexibler und stärker sein als bei einem Paarläufer, der seine Position selten ändert. Ein männlicher Paarläufer kann steifer sein, weil er immer denselben Druck und in einer gleichen Position auffängt. Unsere Hebungen sind anders. Wenn Sie das ukrainische Paar (Nazarova-Nikitin in Minsk- Anm. der Red.) gesehen haben, zeigen sie etwas Verrücktes. Und man kann erkennen, dass der Partner bei einer Hebung immer in einer anderen Position ist, weil er sich anpassen muss, um sie zu heben.

Kann das italienische Eiskunstlaufteam bei den Olympischen Spielen eine Medaille gewinnen?

Anna: Ich habe mit meinem Mann versucht, einige Szenarien zu entwerfen, wie Wettkämpfe ablaufen könnten. Ich bin der Meinung, wir könnten etwas schwächer sein als bei den letzten Olympischen Spielen. Ich denke schon, dass es knapp wird, denn es gibt ungefähr drei Nationen, die gute Medaillien-Chancen haben. Das wären vor allem Kanada, Russland und die USA. Für uns wird es schwer. Dann gibt es noch Japan, Frankreich und China. Wir sind in einigen Kategorien stark, in anderen nicht so. Wenn wir unter der Top-Fünf landen, wäre es schön. Bei Olympia werden alle Ergebnisse nah beieinander sein.

Luca: Es kommt immer darauf an, welche Taktik andere Nationen wählen.

Anna: Ich denke auch, es wird von der Taktik und den Auftritten abhängen. Wir werden es versuchen, wir wollen mit Sicherheit daran teilnehmen.

In dieser Saison wird die Weltmeisterschaft in Ihrem Heimatland stattfinden. Ist es für Sie besser vor heimischem Publikum zu laufen oder heißt es eher mehr Druck für Sie?

Anna: Beides. Wir sind schon in Italien aufgetreten und ich bin froh, dass wir diese Erfahrungen bereits sammeln und daraus lernen konnten. Es ist schwieriger zu Hause aufzutreten, weil jeder da ist, den man kennt. Jeder möchte mit dir reden und dir etwas sagen. Wir können die Erwartungen der Öffentlichkeit körperlich spüren. Aber ich denke, dass ich darauf vorbereitet sein werde und ich werde versuchen, es zu genießen, weil es schön ist, im eigenen Land vor den Landsleuten beim Wettbewerb aufzutreten. Einige Menschen haben uns noch nie gesehen, andere unterstützen uns schon lange. Es ist großartig und ich möchte auf die Erfahrungen der Vergangenheit zurückblicken und es genießen.

Sind Sie bekannte Sportler in Ihrem Land?

Anna: Nein.

Luca: In Italien gibt es nicht viele Eiskunstlauffans.

Anna: Carolina Kostner wurde bei den Olympischen Spielen berühmt und es hilft unserem Sport sehr. Eiskunstlauf ist kein Sport, der häufig in den Nachrichten vorkommt. In Italien gilt 90% der Aufmerksamkeit dem Fußball und dann gibt es ein bisschen Platz für alles andere. Italien ist kein „Winter“-Land wie Russland oder Kanada. Deshalb ist es nicht üblich, Eisflächen zu unterhalten, um Kindern Eislaufen beizubringen. Wir hoffen, es wird sich ändern. Jetzt gibt es eine neue Eishalle in Mailand und das ist schon ein gutes Zeichen.

Luca: Außerdem ist Italien Land am Meer, es ist warm bei uns. Im Grunde ist Italien fast eine Insel, das Meer ist fast überall, außer im Norden, da gibt es Eiskunstlauf. Der Sommersport ist von daher bei ins bekannter und für eine typische italienische Familie ist Eiskunstlauf als Sport auch noch zu teuer.

Wird Eistanzen in der Zukunft komplizierter werden?

Anna: Ich glaube, die Hebungen haben sich in den letzten drei Jahren verändert. Wenn man sie mit Hebungen vor 10 Jahren vergleicht, dann sind sie viel komplizierter. Wir haben jetzt eine andere Art und Weise gefunden, wie man Hebungen ausführt und wenn man manchmal auf das Video schaut, denkt man: „Oh mein Gott, das war ein Lift?“ Die Eistänzer werden nicht einen fünffachen Twizzle erfinden. Es hat sich im Bereich der Hebungen weiterentwickelt. Ich denke, im Eistanzen geht es mehr um den Stil, das Brechen einiger Traditionen und einiger Regeln. Wir haben uns immer gewünscht, dass wir in den Programmen mehr Freiheit haben, manchmal, ist es schwierig, die Elemente anzupassen und etwas dazwischen zu tun. Wenn uns mehr Zeit gegeben würde, könnte der Eistanz vielleicht mehr bringen, z. B. wir könnten Charaktere zeigen, anstatt nur zu versuchen, uns an Regeln zu halten.

Luca: Ja, ich glaube an die Zukunft. Die ISU wird den Eistanz zu neuen Formaten führen und es immer interessanter gestalten.

Wenn man über den Stil im Eistanz redet, möchten Sie lieber den Originaltanz und die Pflichttänze wie früher haben?

Anna: Ich habe Plicht-Tänze geliebt, ich bin in diesem Sinne altmodisch. Aber ich bin sehr glücklich mit vielen Veränderungen im Sport. Vielleicht war es früher für allerlei Interpretation offen, jetzt versucht man, es objektiv zu machen. Einige Paare sind in der Lage, aufgrund ihres besonderen Talents durchzukommen, die Regel zu überwinden. Ich bin sehr zuversichtlich, dass es in dieser Hinsicht Verbesserungen geben wird, aber manchmal bin ich nostalgisch …

Luca: Es wäre falsch, zurückzugehen. Man muss in die Zukunft blicken, aber gleichzeitig ist es gut, zurückzuschauen und zu sehen, wie es war. Ich denke, es ist gut für die Kinder, einen Pflichttanz zu zeigen, weil dadurch sie die Grundlagen und die Bewegungen erkennen und lernen. Es ist wichtig, den Kindern beizubringen, wie verschiedene Paare genau die gleichen Schritte machen, und ich denke, dass es für die Kinder sehr gut ist.

Diese Frage geht an Anna, für mich ist es immer interessant, wer das Make-up und die Frisur für die Auftritte auf dem Eis kreiert?

Anna: Das mache ich selbst. Wenn man zu einem Wettbewerb reist, bringt niemand einen Stylisten mit, denke ich zumindest. Ich weiß nicht, ob Du etwas anderes gehört hast, aber ich habe noch nie jemanden gesehen, der einen Frisör oder einen Visagisten dabei hatte.

Als ich vor einem Jahr heiratete, fand ich eine Visagistin und sie hat mir etwas beigebracht, jetzt mache ich es ein bisschen professioneller als vorher. Vielleicht, wenn einige im Heimatland antreten, haben sie einen eigenen Friseur, aber ich denke, dass ALLE MÄDCHEN es selbst machen.

Vielen Dank für das Interview!

Veronika Potaturko (Minsk)