Antonio Najarro

Antonio Najarro /Photo: Outumuro

Flamenco – ist ein sehr temperamentvoller und heißer Tanz. Ein Tanz mit viel Leidenschaft und Liebe. In Deutsch gibt es ein Wort – Flamme – was für Feuer steht. Und wenn heiß und kalt aufeinander treffen, gibt es immer einen Orkan oder ein Gewitter – so funktioniert es mindestens in der Natur. Heute sprechen wir mit einem Mann, der solche Orkane verursacht – er ist ein bekannter Flamenco-Tänzer, Leiter des spanischen Nationalballets und der berühmte Choreograf von vielen Weltmeistern und Olympiasiegern im Eiskunstlauf. Antonio Najarro kennt das Geheimnis, wie man heiß und kalt am besten mischt und wie man dabei einen Orkan der Leidenschaft auslöst.

Antonio, wie schaffen Sie es, zwei so unterschiedliche Welten miteinander zu verbinden – Sie sind Flamenco – Tänzer und gleichzeitig arbeiten sie für Eiskunstläufer als Choreograf?

Es war im Jahr 2000. Da haben mich die französischen Eistänzer Marina Anissina und Gwendal Peizerat gebeten, für sie ein Flamenkoprogramm zu choreografieren. Damit sie es bei Olympischen Spielen 2002 in Salt Lake City präsentieren. So habe ich für mich die wunderschöne Welt des Eiskunstlaufens entdeckt und sofort lieben gelernt. Ich bin ein Choreograf, der offen ist und versuche die Flamencosprache in andere Kunst- und Sportarten zu transportieren.

Sie arbeiten viel „off ice“ mit dem spanischen Nationalballet. Wie finden Sie Zeit für Eislaufprojekte?

Das ist sehr schwierig: Ich habe kaum Urlaub (nur eine Woche) aber ich mag meine Arbeit sehr und ich kann nicht absagen, wenn ich ein schönes Eislaufprojekt habe. Ich hatte das Glück an der Choreografie mit einigen sehr faszinierenden Eiskunstläufern der Welt zu arbeiten und ich habe sie so wahrgenommen. In jeder meiner Kreation steckt viel Herzblut.

 

Was beinhaltet für Sie die perfekte Choreografie?

Die perfekte Choreografie hast du dann, wenn das Publikum sie nie vergisst, eine Choreografie die das Herz berührt, und bei der die Menschen etwas Besonderes empfinden. Die Choreografie beinhaltet nicht nur Bewegungen, sie beinhaltet auch Energie, Gefühle und natürlich Herz!

Elena Ilinykh & Ruslan Zhiganshin

Elena Ilinykh & Ruslan Zhiganshin

Haben Sie Zeit Eiskunstläufer persönlich gut kennenzulernen? Ist das Persönliche wichtig für Sie?

Ja, natürlich, jeder Eiskunstläufer ist komplett unterschiedlich. Meine Arbeit besteht darin, dass ich diese persönlichen Werte einzelner Läufer entdecke und zur Geltung bringe. Ich schaffe Bewegungen und Expressionen,  indem ich Individualität und Persönlichkeit  der Eiskunstläufer hervorhebe. Das wichtigste Ziel ist, dass ich diese Individualität und ihre persönlichen Stärken in das Programm involviere.

Ich weiß, dass die sogenannte „Duende“ bei einem spanischen Tanz sehr wichtig ist – also die mysteriöse Energie aus Kunst, Emotionen und Expression. Ist es möglich, diese Duende auf Eis zu transportieren?

Ja, das ist sehr kompliziert, aber es ist möglich. Dafür muss man viel arbeiten, an jeder Bewegung! Erst dann – wenn jede Bewegung sitzt und einstudiert ist, arbeitet man an der Expression, an dem Charakter und an der Duende. Denn das ist gerade das, was das Publikum wahrnimmt und das ist das Wichtigste für mich.

Ich habe gelesen, dass Duende den Höhepunkt der Gefühle darstellt, die höchste Expression und die Intensität, aber auch dass es eine Märchenfigur ist – und zwar ein Goblin. Richtig?

Ja so ist es, es gibt zwei Bedeutungen – Duende ist eine Emotion, die wir nicht mit Worten fassen können – das sind die Emotionen, die man empfindet, wenn man sieht jemanden Flamenco tanzen.

Antonio Najarro

Antonio Najarro /Photo: Outumuro

Was sehen Sie oder was fühlen Sie in einem Tanz?

Ich sehe unterschiedliche Dinge – ich fühle Trauer, ich fühle Glück, ich fühle Feuer und  ich fühle Leidenschaft – ich lebe im Tanz. Und das ist mein Leben und meine Art mich auszudrücken.

In der Eiskunstlaufwelt gibt es eine Diskussion, was wichtiger ist – Übergänge, Expression oder Technik  z.B.  Sprünge. Wer von Eiskunstläufern hat es geschafft,  alles in einem am besten zu verbinden?

Ich möchte Eiskunstläufer wirken lassen, als ob sie richtige Tänzer sind,  es ist irrelevant, ob sie ihre Akzente auf Sprünge oder Übergänge setzen. Ich behandle sie wie richtige Tänzer, ich versuche es so zu machen, dass sie ihre Bewegungen vergessen und neu lernen, sich zu bewegen. Ich vergesse nie mein Programm „Poeta“ , das ich für Stephane Lambiel choreografierte, das war ein hervorragendes Programm und für mich ist er ein echter Tänzer auf Eis.

Es gibt viele berühmte Programme zur spanischen Musik. Katharina Witt und ihre „Carmen“, dann auch Ihre Programme: Flamenco für Anissina und Peizerat, Flamenco für Pechalat und Bourzat, Poeta für Lambiel, Malaguena für Brian Joubert… Und jedes Mal begeistern diese Programme das Publikum aufs Neue. Und jedes Mal müssen Sie sich auch etwas Neues einfallen lassen, damit Sie Ihre eigenen Kreationen noch übertreffen. Schwierig?

Ja, sehr schwierig, aber das fasziniert mich auch. Ich liebe es neue Ideen zu schaffen, neue Bewegungen zu entdecken und die Eiskunstläufer inspirieren mich durch ihre Individualität. Ich mag es nicht die Ideen zu wiederholen, ich mag auch keine wiederholten Bewegungen – ich mag Innovationen.

Antonio Najarro (Foto: Manuel Pavon

Antonio Najarro (Foto: Manuel Pavon

Einmal war ich in Frigiliana und habe in Andalusien die berühmten weißen Dörfer gesehen. Und Flamenco kommt aus dieser Region. Aus dem Flugzeug sehen diese Dörfer wie Eis aus. Vielleicht ist es Ihr Geheimnis, wie man Feuer und Eis am besten kombiniert?

Hahahahah. Ich meine, Flamenco kann man überall transportieren, wenn man es mit Respekt und Qualität ausübt. Das Geheimnis, wie man Feuer und Eis kombiniert,  besteht darin, dass man es in die Herzen der Läufer einbaut und dass man sie nicht nur laufen lässt, sondern tanzen lässt – so, dass sie es ausdrücken können, was sie auf der Seele haben.

Welche Frage möchten Sie von einem Journalisten hören aber keiner stellt sie…

Ich würde gerne gefragt werden – was unterscheidet Ihre Choreografie für Eiskunstläufer von anderen Choreografien? Und ich würde antworten: die Kleinigkeiten, Kleinigkeiten in den Bewegungen und in der Gestik, in der Expression – diese kleine Details kann man sehr schwierig beschreiben. Aber gerade sie machen den Unterschied.

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(c) Alexandra Ilina

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