DSC05036
Kavita Lorenz und Joti Polizoakis sind nach der Europameisterschaft voller Tatendrang. In den Top 20 der besten Eistanzpaare Europas und der Welt hat sich das deutsche Eistanzpaar bereits etabliert. Jetzt heißt es für die zweimaligen deutschen Meister weiter nach oben kommen. Mit ihnen sprach am Rande der EM in Ostrava Marianne Lehmann.

Die Europameisterschaft 2017 in Ostrava ist zu Ende. Von eurer Seite ein Fazit.

Joti: Die EM hat uns sehr gut gefallen, alles war super organisiert, vor allem war es vorteilhaft, dass die Eishalle gleich neben dem Hotel war. Es hat Spaß gemacht hier zu laufen. Zu unserer Leistung: Im Großen und Ganzen sind wir zufrieden. Das Publikum hat sehr gut mitgemacht bei uns, vor allem im Kurz Tanz aber auch in der Kür. Wir hatten zwei kleinere Fehler in beiden Programmen, die haben uns dann schon vier Punkte gekostet, aber wir können daraus viel für die Weltmeisterschaft mitnehmen.

Ihr wart bei der letzten EM auf Platz 14 und diesmal auch. Im Prinzip hat sich die Leistung gehalten. Heuer hattet ihr auch neue Programme, habt ihr euch eine Steigerung erhofft?

DSC05108Kavita: Letztes Jahr sind wir, glaube ich, einen super Kurz Tanz gelaufen. Damit waren wir sehr, sehr glücklich und auch in der Kür haben wir eine gute Leistung abgelegt. Bei der letzten Hebung, da war nur ein kleiner Wackler, aber dafür gab es immer noch Level vier. Ja, ich finde letztes Jahr belegten wir zwar auch den 14. Platz, aber wir sind wesentlich besser gelaufen. Dieses Jahr ist es einfach nicht so gelaufen, wie wir es erhofft hatten. Ich glaube zwar, dass wir uns dieses Jahr definitiv viel verbessert haben, aber wir müssen lernen, jedes Mal die Leistung auch abrufen zu können. Nicht immer hier und da kleine Fehler machen, das kann man sich einfach nicht erlauben. Vor allem, weil wir auch nach oben kommen wollen und da ist es für die Preisrichter wichtig, das wir Sicherheit und Stabilität demonstrieren. Daran müssen wir einfach arbeiten. Wir wissen, dass wir das viel, viel besser können. Das haben wir schon im Training viele Male gezeigt. Von daher müssen wir jetzt  weiter arbeiten und die Konstanz in allen Abläufen trainieren. Es ist eine Übungssache. Auch die Wettkämpfe sind Übungssache. Wir müssen uns daran gewöhnen, wie man sich vor Wettkämpfen aufwärmt, wie man ein Wettkampf Training optimal macht, das ist alles noch neu für uns. Dieses Adrenalin, das wir mitkriegen bei den Wettkämpfen, hat man letzten Endes beim Training nicht. Das ist auch noch etwas Neues für uns, dass uns die Beine zittern vor dem Wettbewerb und wir müssen damit klarkommen. Aber daran müssen wir uns gewöhnen und mit der Zeit mehr Routine bekommen.

Joti: Ja, mehr Routine!

img_3895Vor zwei Jahren habt ihr angefangen bei Igor Shpilband zu trainieren. Wie ist euer Verhältnis zu ihm?

Joti: Igor war unser erster gemeinsamer Trainier. Er trainiert uns seit wir zusammen laufen, seit Mai 2015. Unser Verhältnis zu ihm ist super, es ist sehr familiär. Er steht uns immer zur Seite, egal ob es um Privates oder um den Sport geht. Er möchte auch, dass wir mit ihm über alles sprechen und er ist sicherlich in Amerika so etwas wie eine Vaterfigur für uns. Es tut uns gut, dass er an unserer Seite steht. Die Wettkämpfe mit ihm fallen uns einfach leichter, weil er an unserer Seite steht und uns Vertrautheit gibt.

Wie ist eure Trainingsgruppe in Novi/USA? Ihr trainiert 25 Stunden in der Woche. Mit wem und habt ihr Spaß dabei?

Kavita: Wir sind mit den vierten der EM Isabella Tobias und Ilia Tkatchenko, mit Madison Chock und Evan Bates auf dem Eis. Da haben wir schon mal Paare, die wir angucken können, das sind unsere Vorbilder in der Halle. Da können wir sehen, wie die jeden Tag arbeiten, wie ihre Technik ist, wie sie trainieren, wie sie ihre Programme laufen, das ist schon mal sehr gut für uns. Wir sind alle sehr eng miteinander befreundet. Wir unterstützen uns alle: Wenn es jemand schlecht geht, sind wir alle für ihn da.

img_3887Joti: Wir spornen uns auch alle gegenseitig an, wenn zum Beispiel an einem Tag jemand zweimal hintereinander sein Programm durchlaufen muss, – das ist eine große Belastung – dann klatschen wir alle. Da gibt es keine Rivalitäten, obwohl man Konkurrent ist. Das ist im Team sehr wichtig.

Zu der neuen rassigen Flamenco-Kür: Wer hatte die Idee dazu und wer hat die Kostüme entworfen?

Joti: Die Idee hatte eigentlich Kavita. Wir wollten auf jeden Fall eine andere Seite von uns zeigen, anders sein als letztes Jahr. Wir beide haben das spanische Temperament in uns, das liegt uns. Es ist nicht einfach das zu verkörpern aber Igor hat uns beim Laufen gesehen, fand es gut und hat gesagt „Lasst es uns versuchen“. Und so haben wir dann angefangen, an der Kür zu arbeiten. Wir hatten auch die Hilfe des spanischen Profiballetttänzer Antonio Najarro, der die Kür auch mit aufgebaut und bearbeitet hat. So ist diese Kür entstanden und wir haben jedes Mal sehr viel Spaß, diese Kür zu laufen. Die Kür hat einen anderen Level als das was wir letztes Jahr gemacht haben, was durchaus gut und erwünscht ist. Aber vielleicht führt das dazu, dass wir noch einige kleinere Fehler machen. Wir brauchen noch ein wenig mehr Zeit. Ich bin mir sicher, dass wir zur WM eine gute Kür zeigen werden. Bei den Deutschen Meisterschaften war sie bereits gut, eine Woche davor in Zagreb auch, also wir können es auf jeden Fall und werden es auch bei der WM zeigen.

Zu den Kostümen: Kavita ist schon die Hauptkreative und ich gebe dann auch meine Meinung dazu.

Kavita: Wir besprechen eigentlich die Gestaltung immer miteinander. Ich sage ihm, so stelle ich mir das vor und frage ihn nach seiner Meinung. Er sagt dann hier, oder da noch etwas dazu. Wir arbeiten da nur zu zweit.

Joti: Wir zeigen im Vorfeld den Trainern auch Nichts und erst am Ende kommen wir dann mit den fertigen Kostümen und die sind alle glücklich.

Macht ihr auch Kostümprobelaufen und filmt euch dabei?

Kavita: Wir machen einige Fotos und laufen damit, um zu sehen, ob es bequem ist und, ob die Hebungen darin gut funktionieren.

Joti: Am Anfang dieser Saison, bei den ersten zwei Wettkämpfen, Nebelhorn Trophy in Oberstdorf und in Bratislava trug Kavita ein anderes Kür Kleid. Das war voller Steine und es war viel schwerer als das jetzige. Bei den Hebungen haben wir uns richtig gekratzt, es war einfach unbequem und deshalb haben wir es geändert.

Kavita: Das ist so ein tolles Programm und ich wollte es nicht mit so einem schweren Kleid laufen. Man lernt immer dazu! Weniger ist manchmal mehr!

Carolina Kostner, lief hier in Ostrava nach ihrer langen Sperre wieder eine sehr erfolgreiche Europameisterschaft. Für viele der jüngeren Läuferinnen ist sie ein Kindheitsidol. Wer sind eure Idole auf dem Eis, wem eifert ihr nach? Wie und warum habt ihr überhaupt mit dem Eislaufen begonnen?

Joti: Es ist lustig, dass sie Carolina erwähnen, weil ich weiß, dass sie Kavitas Idol ist.

Kavita: Schon seit ich klein war, ist Carolina Kostner mein Idol. Sie wird auch immer mein Idol bleiben, auch wenn sie keine Eistänzerin ist. Das kommt daher, dass wir, vielmehr ich, mit Carolina aufgewachsen bin. Wir hatten ja anfangs, als wir noch Einzelläufer waren den gleichen Trainer – Michal Huth. Und da habe ich als kleines Kind immer sehen dürfen, wie sie trainiert hat, wie sie sich aufgewärmt hat, wie sie ihre tolle Leistung gebracht hat und das habe ich immer bewundert.

img_3881

Aber angefangen mit dem Eislaufen hast du nicht wegen ihr?

Kavita: …angefangen? Ich weiß gar nicht mehr warum! (Lacht) Eigentlich habe ich angefangen, weil mich meine Mutter mal mit aufs Eis genommen hat und es hat mir gefallen. Aber zum richtigen Leistungssport und Teilnahme an Wettkämpfen, das war eigentlich Carolina Kostner, die mich dazu inspiriert hat.

Joti: Ich habe viele Vorbilder. Alle Top Eiskunstläufer und Eistänzer haben ihre individuellen Stärken. Allerdings, sowie der Franzose Guillaume Cizeron läuft, läuft keiner! Er ist schon mein Vorbild.

Mit dem Eiskunstlaufen angefangen habe ich, weil meine Tante aus Tschechien, ich bin ja Halbtscheche, Eiskunstläuferin ist. Zwischen uns sind nur 8 Jahre Altersunterschied. Ich habe als Kind viel Zeit bei meinen Großeltern in Tschechien verbracht und meine junge Tante war ständig auf dem Eis. Weil ich mit ihr zusammen sein wollte, bin ich dann mit zur Eishalle gegangen. Und es hat mir gleich gefallen. Dann hat mir meine Oma die ersten Schlittschuhe gekauft und so fing alles an. Ich habe als Fünfjähriger die Übertragung der WM 2000 stundenlang angeschaut und habe mich vor dem Fernseher nicht weg bewegt. Meine Eltern erzählten mir, dass ich staunend und mit offenem Mund alles angeschaut habe. Und dann haben sie sich überlegt, dass Eislaufen vielleicht was für mich wäre. Und seit damals bin ich dabei.

Ihr lebt und trainiert in USA. Wie fühlt ihr euch in diesem neuen Amerika von Donald Trump?

Kavita: Ich bin in Amerika, weil Igor dort ist. Wäre Igor woanders, wäre ich auch woanders. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.

Joti: Mir geht es genauso!

Wie wichtig sind für Euch der Rückhalt in der Familie und die Unterstützung der Freunde?

Joti: Sehr wichtig! Wir beide sind totale Familienmenschen, die Familie ist alles für uns. Ohne Familie geht das Ganze gar nicht. Der Rückhalt von Freunden ist auch sehr wichtig.

Es ist schön zu sehen, dass sie meinen Werdegang verfolgen und unterstützen. Viele Freunde haben früher nicht verstanden, wieso man so viel Zeit in den Sport investiert. Mittlerweile bewundern und respektieren sie das. Das ist schön zu wissen. Ich habe gestern meine sozialen Netzwerke angeschaut und war überrascht, wie viele was zu unseren Programen gepostet haben.

Die Europameisterschaften 2017 sind vorbei. Könntet ihr einen kurzen Ausblick für eure nahe und weitere sportliche Zukunft geben? Was steht als nächstes an und was ist längerfristig in Planung?

Kavita: Erstmal fliegen wir morgen zurück in die Staaten und werden mit Igor, unserem Trainer besprechen, welcher der nächste Wettkampf sein wird. Entweder wir laufen nur die WM oder wir entscheiden uns auch noch die Bavarian Open in Oberstdorf zu laufen. Das wäre zusätzlich um Wettkampfpraxis und Erfahrung zu sammeln. Aber auch, um zu sehen, ob wir vorankommen oder, ob wir noch Änderungen machen müssen. Auf jeden Fall wollen wir bei der WM einen Startplatz für Olympia holen. Das ist unser großes Saisonziel. Natürlich wollen wir auch das Paar sein, das zur Olympia geht. Danach werden wir sehen. Sicher ist, dass wir danach auch noch dabei bleiben wollen. Das ist unser Traum.

Joti: Wir wollen auch weiter besser werden und wir glauben, dass die Chancen dafür nach den Olympischen Spielen größer sind. Viele werden aufhören und man sagt, dass die jüngeren dann nachrutschen können. Das war auch mit Gabriella und Guillaume so. Momentan ist unsere Planung nur auf Olympia 2018 und nicht auf 2022 und mögliche Medaillen fokussiert. Das ist auch das, woran wir jeden Tag denken und ich glaube das ist gut so. Was sich jeder Sportler in seiner Karriere sicherlich wünscht, ist einmal Olympionike zu sein. Letztes Jahr waren wir 14. bei der EM und 17. bei der WM, da hätten wir den Startplatz geholt. Wir hoffen, dass es dieses Jahr genau so sein wird, mit hoffentlich fehlerfreien Programmen bei der WM und mit dem einen oder anderen Platz nach vorne.

Interview: Marianne Lehmann