„Träume gehen wirklich in Erfüllung, wenn man sich zu ihnen bekennt und daran glaubt, wenn man mit Leidenschaft und positiven Gedanken ein Ziel ansteuert“, schreibt die Weltmeisterin, dreifache Europameisterin und Olympiabronzegewinnerin von 1976 Christine Stüber-Errath in ihrem neu erschienen Buch „Meine erste 6.0“.

Es ist kein gewöhnliches Buch, in dem Memoiren geschildert werden, so wie man auf den ersten Blick denken mag. Das Buch ist ein Gespräch, das Gespräch, das sechs Jahrzehnten zusammenfasst. Durch diese vielen kleinen Geschichten, winzigen Anmerkungen, scheinbaren Kleinigkeiten wird das Große, das dahinter steckt, erst sichtbar.

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In ihrem Gespräch mit dem Berliner Journalisten Jens Rümmler berichtet Christine Stüber-Errath über ihre Siege und Niederlagen, nicht nur auf dem Eis, sondern auch im späteren Leben. Ihr 60-er Geburtstag schenkte ihr, so unglaublich es klingt, ihre erste 6.0. Denn: eine der erfolgreichsten deutschen Eiskunstläuferinnen hat von den Preisrichtern nie diese begehrte Note bekommen.

Sie eröffnet in ihrem Buch immer neue Facetten ihrer Persönlichkeit, erzählt unter anderem von einigen Vorkommnissen, die ein Eiskunstläufer nie einem Journalisten in der Mixed-Zone anvertrauen würde. Und an dieser Stelle muss man die hervorragende Arbeit des Journalisten würdigen, der es durch seine gezielten Fragen schaffte, ein ganzes Leben in ein Frage-Antwort-Format zu fassen. Dabei bemerkt man nicht einmal, dass es im Grunde genommen ein Interview ist – so flüssig läuft das Gespräch. Um so etwas zu leisten, bedarf es großen Vertrauens, das nicht jeder gewinnen kann.

Als Leser kann man sich lebhaft vorstellen, wie die beiden an einem Tisch sitzen, wie der Kaffee riecht und wie der Erdbeerkuchen „mit zwei Erdbeerstückchen“ schmeckt. Man ist dabei, man hört zu und es scheint, dass die Seiten des Buches wirklich viele Jahren zurückblättern und plötzlich steht man in einer Eishalle, sieht zu, wie das junge Mädchen ihre Sprünge trainiert, beobachtet, wie sie aus Verzweiflung die Waage mit einem Magneten manipuliert, um eventuell ein paar Gramm Gewicht auszugleichen. Man ärgert sich mit, dass es nicht klappt, man leidet mit, wenn ihr Ausweis nach dem Diskobesuch verloren geht, und man erfährt, welche Konsequenzen sie zu tragen hat. Man sieht, wie ihre Mutter die schönen Kleider für ihre Auftritte näht und beobachtet mit Schmunzeln ihre ersten Elemente – „Storch, Flieger und Kanone“, die Errath als kleines Mädchen zeigt. Erst später kamen Lutz, Axel oder Tulup. Das Buch nimmt den Leser mit und lässt ihn erst mit der letzten Antwort los.

„Um schwierige Elemente zu erlernen, sind Stürze aber nicht zu vermeiden“, eine Weisheit, die jeder Eiskunstläufer kennt und auf dem Weg nach ganz oben ist. Doch dies ist auch für das Leben wichtig. So schilderte Errath von einem sehr schlimmen Sturz – nur ein paar Monate vor Olympia. Er könnte das Kariereende bedeuten. Wahrscheinlich für viele andere, doch nicht für Christine. „Das funktionierte nur nachdem ich meinen dicken Fuß so lange in einen Eimer voller Eis hielt, bis ich ihn nicht mehr spürte. Sonst wäre ich nicht in den Schlittschuh gekommen. Die Schmerzen kann sich keiner vorstellen. Aber ich wollte ja unbedingt zu den Olympischen Winterspielen“. An diesem Beispiel wird deutlich, dass man mit Liebe und Leidenschaft Berge versetzen kann und das erlebte sie immer wieder. Denn: „Mut und Begeisterung werden belohnt“.

„ So ist es mir im Leben mehrfach gelungen, auch trotz vermeintlich aussichtsloser Lage, mich wieder nach oben zu kämpfen“, sagte Stüber-Errath im Buchgespräch und erzählte unter anderem über die Gründe für ihr Karriere-Ende mit erst 19 Jahren, sie berichtete ebenso offen von ihren turbulenten Jahren als TV-Moderatorin, die sie fast ruinierten. „Das Hamsterrad, in dem ich lief, drehte sich immer schneller. Bis ich nicht mehr konnte“, und wieder wurde sie durch die Liebe gerettet. „Ich hatte das Problem, weder NEIN sagen zu können, noch meine Grenzen zu achten“, so sah es damals aus – doch dann traf sie ihren Mann Paul. „Er steht zu mir wie ein Fels in der Brandung“, offenbart sie neben vielen persönlichen Details, die ihr Leben prägten.

Auch ihre Fans, die offenbar über die Jahre hinweg zu wahren Freunden geworden sind, standen ihr immer bei, was sie in diesem Buch zum Ausdruck bringt.

Doch wenn man denkt, dass sie in diesem Buch nur auf ihre Karriere zurückblickt, irrt sich. Errath bringt das Problem des heutigen deutschen Eiskunstlaufens auf den Punkt und man findet sich in den aktuellen Zeit wieder. „Mir persönlich macht es keinen Spaß, im Internet zu schauen und es ärgert mich, wenn ich bei den kurzen Übertragungen nicht einmal die deutschen Starter zu sehen bekomme. Irgendwie ist es ein Teufelskreis. Schlechte Vermarktungsmöglichkeiten führen zu weniger Fernsehübertragungen. Das hat zur Folge, dass logischerweise die Zuschauerzahlen sinken!“ – und sie hat Recht, so traurig es klingt.

Jetzt werden keine 6,0-Noten mehr im Eiskunstlaufen vergeben. Die Zeiten sind anders, das Wertungssystem ist anders, alles ist anders. „Das Streben nach immer schwierigeren Sprüngen und Sprungkombinationen hat zur Folge, dass in den Kürprogrammen immer weniger Zeit bleibt für schöne Schrittpassagen, wenn diese nicht vorgeschrieben sind. Das EisKUNSTlaufen wirkt auf mich nicht mehr so künstlerisch, sondern eher artistisch, wenn ich nur an die Wurfelemente der Paarläufer denke. Und die Pirouetten, die sowohl von Frauen, als auch von Männern heute zum Teil gezeigt werden, sind derartige Verrenkungen, dass es mir fast weh tut beim Zuschauen. Viele werden mir widersprechen, aber ich empfinde das Eiskunstlaufen der Gegenwart als technisch zu anspruchsvoll“. Ihrer Meinung kann man zustimmen oder nicht – eine Diskussion, die wohl ein weiteres Buch wert ist.

Und dieses Buch endet mit einem entscheidendem Satz, der zu einer Anleitung für alle Leser und Eiskunstlauffans werden könnte, sich ein Beispiel an dieser unglaublichen Frau zu nehmen und endlich anzufangen, Träume zu leben. Denn, wie sie sagt: Mut und Begeisterung werden belohnt, und das weiß Christine Errath wie keine andere. „Es ist nie zu spät, seine Träume zu leben!“

https://www.youtube.com/watch?v=e-mqK6h-R_M

ISBN: 978 – 3 – 00- 055021-8