img_2402 Wahrscheinlich ist er zur Zeit der meist gefragte Trainer der Welt. Seine Sportler sind die besten Eistänzer der Welt. Er arbeitet mit Olympiasiegern und mit Weltmeistern. Viele versuchen sein Konzept für den Erfolg seiner Sportler zu ergründen, um die französischen Eistänzer Gabriella Papadakis und Guillaume Cizeron zu besiegen. In diesem Interview spricht der Trainer Romain Haguenauer über seine Arbeit, über seine Sportler, seine Ziele und Träume. Aber auch er muss zuweilen Kritik einstecken.

Sie arbeiten mit den besten Eistänzern der Welt, ist es in dieser Saison schwieriger für Sie geworden, nachdem Sie noch ein Spitzen-Paar, die Olympia-Sieger Tessa Vitue und Scott Moir aus Kanada dazu bekommen haben?

Absolut nicht. Jeder muss lernen. Ich arbeite mit den Weltmeistern Gabriella und Guillaume und gleichzeitig mit Tessa und Scott. Ich trainiere zwei Top-Teams und sie sind sehr stark. Es ist gut mit diesen Sportlern zu arbeiten, die hohe Qualitäten vorweisen. Sie unterscheiden sich auch voneinander. Nein, es ist nicht schwierig, aber das ist ein sehr hohes Niveau und jeder kleine Fehler kann in diesem Fall entscheidend sein. Wir arbeiten hart an der Präzision und wir müssen auch zwei unterschiedliche Stile erreichen. Es ist nicht kompliziert, aber bedeutet – viel Arbeit.

Wie viele Paare trainieren zur Zeit bei Ihnen?

Im Moment haben wir 13 bis 15 Paare, das heißt – zwei davon trainieren nicht Vollzeit, sie bereiten sich für die nationalen Meisterschaften vor, sind aber oft beim Training.

Wie finden Sie Zeit für alle Sportler?

Ich verbringe viel Zeit auf dem Eis, jeden Tag bin ich von 7 bis 17 Uhr dort. Jetzt sind wir ausgelastet, weil wir die gewisse Qualität gewährleisten können – für alle Eiskunstläufer. Und wir haben gleichzeitig nie mehr als fünf Paare auf dem Eis. Wir trainieren auch viele Junioren und versuchen, jedem die gleiche Trainingsqualität anzubieten.

Was unterscheidet Tessa und Scott von den Franzosen?

Der wichtigste Unterschied ist die Geschichte jedes Paares: Tessa und Scott – sie sind zurück in Wettbewerben, sie haben bereits eine Superkarriere hinter sich und sie haben das wichtigste Ziel erreicht: ihren Olympiasieg und sie haben viel Wettbewerbserfahrung. Sie sagten, sie kommen zurück, weil sie noch nicht alles erreicht haben, was sie erreichen wollten. Aber ich meine jetzt nicht die Ergebnisse – sondern die Arbeit, die Artistik. Es ist klar, dass sie zurück gekommen sind, um zu gewinnen. Aber besonders wichtig ist für sie, Spaß dabei zu haben, zu trainieren und wieder im Wettbewerb zu laufen. Sie müssen nichts mehr beweisen, sie haben in ihrer Vergangenheit alles bewiesen.

Gabriella und Guillaume hingegen sind zweifache Weltmeister, sie sind sehr jung, erst 21 und 22. Und Tessa und Scott sind 28 und 29 Jahre alt. Das sind zwei Generationen und sie haben zwei unterschiedliche Geschichten. Gabriella und Guillaume sind sehr schnell nationale Meister, Europameister und Weltmeister geworden. Jetzt stehen sie vor einer neuen Herausforderung, die sie früher nicht kannten. Sie haben eine sehr starke Konkurrenz bekommen. Es wird sehr knapp zwischen den beiden Paaren werden. Während des Trainings in Montreal gibt es keine Probleme. Beim Wettbewerb haben wir eine neue Situation, was wir bereits in Marseille gesehen haben (Gabriella und Guillaume sind nur Zweite beim Grand-Prix-Finale geworden. Tessa und Scott haben gewonnen – Anm. der Redaktion). Sie müssen lernen, damit umzugehen. Das ist eine große Lehre für sie. Sie möchten ja die Weltmeisterschaft und bei den Olympischen Spielen gewinnen und deshalb müssen sie mit dem Druck umgehen können – das ist neu für sie. Beim ersten Mal hatten sie nichts zu verlieren, sie haben den Titel gewonnen. Beim zweiten Mal war es wegen der Gehirnerschütterung von Gabriella eine andere Situation und die beiden waren einfach froh, überhaupt bei Wettbewerben laufen zu können. Jetzt aber müssen sie die ganze Saison gegen sehr starke Läufer gewinnen. Aber ich bin glücklich, dass sie es jetzt lernen. Bei den Weilmeisterschaften und bei den Olympischen Spielen müssen sie das bestehen. Aber sie sind sehr stark und wenn sie die Situation positiv nehmen, werden sie dadurch noch stärker.

Trainieren diese beiden Top-Paare zu gleicher Zeit?

Manchmal trainieren sie zusammen, manchmal nicht. Wir gucken einfach, woran wir bei jedem Paar zu arbeiten haben. Aber das sind zwei unterschiedliche Situationen: Zusammen zu trainieren – ist ja kein Problem. Sie müssen sich darauf konzentrieren, sauber zu laufen, so gut wie sie können. Für den Trainier ist es dasselbe – ich gebe mein Bestes an die Einen und an die Anderen. Wir arbeiten mit ihnen und betrachten sie nicht als Konkurrenten. Wir arbeiten, um ihnen das beste Training zu geben, damit sie so gut laufen können, wie eben möglich. Ich bin kein Preisrichter, ich gebe mein Bestes und sie müssen damit arbeiten. Preisrichter werden dann bei Wettbewerben eine Entscheidung treffen.

img_2398Wie finden Sie die Idee, denn das ist die große Herausforderung, etwas zu kreieren, was noch besser ist, als das was bereits vorhanden ist?

Das ist immer schwierig, neue Ideen zu entwickeln, aber das ist eine Entscheidung des Teams. Gabriella und Guillaume besprechen die Ideen mit uns Trainern, sie schlagen etwas vor, ich schlage etwas vor, sowie Marie France und Patrice. Sie möchten etwas mehr zeigen, Contemporary. Sie möchten eine für Eiskunstlauf ungewöhnliche Musik haben, sie möchten mehr Artistik zeigen. Ich glaube, das ist sehr gut. Wir müssen viel arbeiten, um die Besten zu sein. Ich glaube, dass ist eine Revolution im Eistanz und Gabriella und Guilaume führen sie an. Sie sind sehr jung und wahrscheinlich werden sie noch 6 oder 7 Jahre laufen.

img_2848Ich habe auch einige kritische Punkte gehört. Ihre Tänze sind zwar sehr schön, aber sie erzählen keine Geschichte…

Ein Tanz kann eine Geschichte erzählen, aber wir arbeiten mit Gabriella und Guillaume noch tiefer. Wir arbeiten mit Emotionen, mit Gefühlen. Vielleicht verstehen die Menschen die ganze Geschichte nicht: Unser Ziel ist – Emotionen zu kreieren. Manchmal, wenn Sie ins Ballett gehen und die Geschichte nicht kennen – aber trotzdem werden sie von den Emotionen erfasst – da ist wahre Interpretation. Wenn Sie Scheherazade oder Charlie Chaplin spielen – das ist alles deutlich, aber Gabriella und Guillaume wollen das nicht. Sie wollen mehr. Es ist schwierig zu beschreiben. Ich glaube, das artistische Niveau ist so hoch, weil das sehr kompliziert ist. Es ist leicht, gewisse Kostüme anzuziehen, um einen Charakter zu spielen, aber sie wollen das nicht. Sie wollen sie selbst bleiben und tiefe Emotionen ausdrücken. Das hat ihnen im vergangenen Jahr den Erfolg gebracht und ich bin sicher, in diesem Jahr könnte es auch erfolgreich sein – wenn sie dabei technisch sauber laufen.

Wie sehen Sie die Zukunft des Eistanzes?

Ich weiß es nicht… In Marseille habe ich die besten sechs Paare gesehen und sie zeigten sehr schöne und interessante Aufritte. Viele versuchen im Vergleich zu den Olympischen Spielen in Sochi tänzerisch mehr zu bieten. In unserer Disziplin gibt es klare Leader – und sind Gabriella und Guillaume und jetzt sind es auch Tessa und Scott. Sie treiben das Niveau nach oben und andere Sportler versuchen sie zu besiegen und arbeiten auch noch mehr als sonst. Vielleicht gibt es auch Kritik, aber im Moment versuchen viele das Gleiche wie wir zu zeigen.

img_8736Sind Sie bei Ihrer Arbeit frei?

Wir arbeiten alle zusammen: Sportler, Trainer, Verbände. Gabriella und Guillaume arbeiten mit dem französischen Verband, die Kanadier – mit dem kanadischen. Wir arbeiten viel mit jedem Land zusammen, weil sie die Levels überprüfen und auch Ideen geben. Wir arbeiten täglich an uns, aber manchmal ist es gut, einen Blick von Außen zu bekommen. Die Verbände unterstützen uns und das ist wichtig. Auch für Sportler ist es gut zu wissen, dass sie diese Unterstützung haben. Wenn man auf diesem Niveau arbeitet, ist es wie eine große Maschine. Und wenn Gabriella und Guillaume etwas für Kostüme oder Choreografie brauchen – ist ihre Föderation immer bereit ihnen dabei zu helfen.

Könnten Sie sich vorstellen, auch mit Einzelläufern oder mit Paarläufern zu arbeiten?

Ich habe es bereits in der Vergangenheit getan. Ich arbeitete mit Daisuke Takahashi, mit Brian Joubert, mit Vanessa und Morgan. Aber jetzt bin ich ausgelastet. Ich bin jetzt nur auf das Eistanzen fokussiert und habe in diesem Bereich genug Arbeit.

Haben Sie als Trainer einen Traum?

Einen Traum? Ich bin ein glücklicher Mensch. Ich habe super Sportler und ich arbeite mit ihnen. Das ist auch eine Ausbildung für das Leben. Wenn etwas klappt oder nicht klappt – wir müssen mit der Situation umgehen können. Mein Traum wäre, alle drei Olympiamedaillen zu gewinnen. (lacht)

Wirklich alle drei?

(lacht) – Der beste Traum wäre, dass unsere Sportler so gut laufen wie sie können – das ist wichtig. Aber auch das amerikanische Paar hat großes Potenzial und ich glaube – sie könnten auch auf dem Podium stehen. Das ist das Ziel. Und es wäre fantastisch, wenn wir drei Medaillen gewinnen.

Vielen Dank für das Interview!

 

Alexandra Ilina (Caen)