Die Kufen rauschen über das Eis, dann schwenkt die Kamera und wir sehen eine junge blonde Frau, die über die Eisfläche gleitet. Sie lächelt, denn sie läuft zu ihrem Lebenstraum, einem Lebenstraum, den sie am 15. Februar 2018 verwirklicht hat. Es ist Aljona Savchenko, die deutsche Olympiasiegerin im Paarlauf, die zusammen mit Bruno Massot mit ihrer Kür vor vier Jahren nicht nur ihre deutschen Fans, sondern die ganze Welt verzauberte.

(c) Alexandra Ilina

Magie. Höchstleistung. Zauber. Wahnsinn. Etwa vier Minuten dauerte diese Kür, doch diese vier Minuten werden für die Ewigkeit in Erinnerung bleiben und die Kür zu La Terre Vue du Ciel ist direkt nach dem Ablauf der letzten Sekunde eine Legende der Geschichte des Eiskunstlaufens geworden. Man kann viele Wörter dazu schreiben, um DAS, was am 15. Februar in Korea geschah, zu beschreiben und trotzdem werden Einem Wörter fehlen, denn DAS muss man gesehen haben…

Jetzt, vier Jahre später, ist der Dokumentarfilm „Die Kür ihres Lebens“ erschienen, der Film, der diese Leistung und diese Kür würdigt und Millionen Zuschauer erneut in die Magie des Eislaufens versetzt.

„Die Idee, diese Kür in einem Film zu verewigen ist genau in dem Moment der Liveübertragung von den Olympischen Spielen entstanden. Ich habe es im Fernsehen gesehen und war sehr bewegt und es war mir sofort klar, dass man versuchen muss, diesen Moment festzuhalten – über so eine TV-Übertragung hinaus“, erklärte der Produzent des Filmes Carl-Ludwig Rettinger vor der Premiere in Berlin, die er zusammen mit dem Berliner Eislaufclub organisierte. Die DEU hingegen hätte kurz von den Olympischen Spielen leider keine Zeit dafür. „Da gab es wenig Interesse“. Schließlich sei so ein Film eine gute Motivation und ein Beispiel einer herausragenden Karriere für heranwachsende Sportler. Diese Kür hat Rettinger sofort als „Gesamtkunstwerk“ bezeichnet.

Der Kür ein Denkmal setzen

Doch der Weg zu diesem großen „Gesamtkunstwerk“ des Lebens war für Aljona alles andere als einfach. Es war kein leichter Weg, erst bei dem fünften olympischen Anlauf gelang es ihr, das lang ersehnte Gold zu gewinnen. Und genau das wollte der Regisseur Gerhard Schick in diesem Film zeigen:

„Es ist ganz klar, wir wollten der Kür ein Denkmal setzen. Aber für mich war es wichtig zu zeigen, dass der Weg dorthin ein schwieriger, steiniger Weg war. Sonst kann man nicht nachvollziehen, was für eine große Leistung es ist“, erklärte Schick vor der Premiere. „Man muss aus meiner Sicht auch die Schwierigkeiten und die dazugehörigen Streitigkeiten zeigen – erst dann, wenn man alles sieht, kann das Publikum es wirklich würdigen und verstehen, wie groß diese Leistung ist“, erklärte er gegenüber Long-Program.com.

Aljona Savchenko trainiert Nachwuchs in Pralognan-la-Vanoise ©Lichtblick Film, Fotograf Gerhard Schick

Und das ist dem Team durchaus gelungen: Mit akribisch ausgewählten Szenen, die wie Perlen auf einer Kette aneinandergereiht sind, kommt man dem Höhepunkt des Filmes entgegen. Denn im Mittelpunkt des Filmes steht die wunderschöne Kür, die vier Minuten, die eigentlich das ganze Leben der außergewöhnlichen Sportlerin Aljona Savchenko beinhalten.

Ein Déjà-vu nach vier Jahren

Aljona Savchenko mit dem Produzenten Carl-Ludwig Rettinger (r) und dem Regisseur Gerhard Schick (l) (c) Alexandra Ilina

„Ich habe am Anfang, in der Mitte und am Ende des Filmes geweint“, offenbarte Aljona Savchenko bei der Premiere, nach der sie dem Regisseur und dem Produzenten herzlichst dankte. Als Perfektionistin fand sie aber auch Kritikpunkte, die sie eher auf ihre eigene Kappe nimmt, als an das TV-Team weitergibt. „Vielleicht müsste ich mich auch anders darstellen, sonst komme ich mir zu streng vor“, erklärt sie ihren Standpunkt mit Blick auf diverse Streitigkeiten, die im Film gezeigt werden. „Ich bin immer mit mir selbst sehr kritisch, ich finde auch bei dieser Kür einiges, was ich noch verbessern könnte“, sagte sie im Vorfeld der Premiere. 
Bei der Premiere freute sich Aljona, ihren Goldtrainer Alexander König  wiederzusehen. „Es war so ein Déjà-vu-Gefühl, technisch und emotional in die Zeit von damals mitgenommen zu werden. Man erlebt es noch einmal – natürlich heute aus anderer Perspektive und reflektiert es anders als damals. Aber es ist eine sehr schöne Erinnerung, wenn man die Zeit durch den Film noch mal erleben darf“, teilte König seine ersten Eindrücke von dem Film in Berlin mit. Für ihn sei auch eine neue Erkenntnis gewesen: So berührend, wie Bruno im Film vorkommt, habe er ihn bisher nicht erlebt. „Ich habe ihn anders im Film kennengelernt“.

Harter Weg auch für das Fernsehen-Team

Der harte Weg zum Olymp, die Reflektionen danach, die Emotionen, die immer wieder hochkommen, all das hat der Film zu bieten. Doch auch für den Produzenten Carl-Ludwig Rettinger war es nicht immer leicht, den Film so zu gestalten, wie er es sich eigentlich vorstellte. Sein vordringlicher Wunsch war es, einen echten Kinofilm zu machen. Doch da kamen die Übertragungsrechte ins Spiel. „Die Rechte hält allein das Olympische Komitee – die medialen Rechte in jeglicher Hinsicht, egal ob das Kino oder Fernsehen, egal für welche Medien. Und diese Rechte anzukaufen ist sehr, sehr teuer“, erklärte er. „Das Olympische Komitee hat das Monopol und es diktiert die Preise. Wir hätten das gerne als Kinofilm gemacht, weil es eben große Emotionen sind, viele große tolle Bilder sind…“. Doch die Kinorechte dafür zu erwerben, sei viel zu teuer gewesen. Alleine die Ausschnittrechte für Frankreich (ARTE sendet auch in Frankreich) kosteten mehrere 10.000 Euro. Sonst dürfte man diese Kür gar nicht zeigen.

Auch der Regisseur stand vor einer großen Herausforderung: Denn das Hauptereignis, das in der Mitte des Filmes gezeigt werden sollte, zum Anfang der Dreharbeiten zwei Jahre zurück lag. Deshalb musste er viel im Archiv „graben“, um Aufnahmen zu finden, die vor der Kür entstanden sind. Eine große Hilfe seien auch die Aufnahmen von Daniel Weiss gewesen, der auch im Film zu sehen ist. Auch die Corona-Pandemie erschwerte die Dreharbeiten.

Jeder findet für sich in diesem Film etwas ganz Besonderes – seien es die Bilder vom Training, die nie gezeigt wurden, oder Nahaufnahmen der spektakulären Elemente, so dass der Zuschauer gleich den Eindruck „Live dabei zu sein“ bekommt und alles hautnah miterlebt und nicht zuletzt mitfühlt. Denn zum Mitfühlen gibt es einiges. „Ich habe es noch nicht so erlebt, dass der Film Menschen so emotional erwischt. Es ist etwas Besonderes!“, resümierte der Regisseur Schick. Auch das, dass Publikum nach der Premiere stehend applaudierte, erlebt man sehr selten.

„Wenn man wieder aufsteht – ist es super!“

Was lernen wir aus diesem Film? Man darf nie aufgeben. Das Beispiel von Aljona Savchenko zeigt, dass man immer bis zu Ende gehen soll und selbst wenn andere aufgeben und nicht daran glauben, dass es doch ein Happy End gibt, ging sie ihren Weg weiter.

„Meine Lieblingsszene ist eine ganz kleine Szene, wo Alex König von Hinfallen spricht. Er erzählt, dass Fallen dazugehört, und das ist auch im Leben wichtig, dass man hinfällt, aber dann auch wieder aufsteht. Und im Film haben wir dazu Bilder von Nachwuchsschülern in Zeitlupe gezeigt, indem König das genau erklärt, und dabei gibt es einen Moment, wo eine Schülerin hinfällt und der Partner hebt sie hoch und sie lacht dabei und dazu läuft schöne Musik. Das ist ein Bild für mich, dass es im Leben oft schwierig ist, aber wenn man wieder aufsteht – ist es super“, erklärte der Regisseur.

Aljona hat immer Kraft gefunden, nicht nur nach den Stürzen auf dem Eis, sondern auch nach Schicksalsschlägen aufzustehen und immer weiter zu gehen.
Genau wie eine weitere kleine Szene des Filmes zeigt – Aljona läuft alleine, losgelöst über eine große Wiese, immer weiter und die Kamera folgt ihr eine Weile, schwebt hinterher und begleitet sie endlich durch eine Luftaufnahme von oben: Aljona… Vue du Ciel…

Sendetermine:

ARTE: 03. Februar, um 20.15 Uhr

BR: 09. Februar, um 22.45 Uhr

Alexandra Ilina, Berlin

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