Robin Szolkowy: „Bei Hochleistungssportlern sollte die Frage nach der Motivation gar nicht gestellt werden“

Mit Robin Szolkowy zu sprechen ist immer sehr informativ und äußerst interessant. In Grenoble berichtete er über die Entwicklung des Paares Evgenia Tarasova und Vladimir Morozov, die er in Russland als Trainer mitbetreut, über sein Unternehmen „Justmove“ und über eine ganz neue Idee, diese schöne Sportart populärer zu machen und viele Fans weltweit zu begeistern.

Wie verläuft die Vorbereitung von Evgenia Tarasova und Vladimir Morozov auf die olympische Saison?

Die Vorbereitung war eigentlich dieselbe wie in den anderen Jahren auch, glücklicherweise konnten wir in diesem Jahr mehr auf die Leistungen aus den Vorjahren aufbauen, damit wir für die Wettkämpfe früher bereit sind. Jetzt laufen sie immer mehr wie Senioren, im ersten Jahr gab es viele Elemente, die sehr gut waren, aber erinnerten beim Laufen an die Junioren Programme.

Ist es schwierig für die beiden, dass sie nach und nach innerhalb Russlands zum Nummer-1-Paar werden?

Ich denke nicht, dass es für die Beiden schwer ist. Alle, die Leistungssport treiben, wollen natürlich die Besten sein. Die beiden haben sich menschlich positiv entwickelt, auch wenn sie jetzt in Russland als Nummer 1 Paar gelten. Sie sind nicht abgehoben, gut drauf und ich finde das sehr wichtig. Also es ist nicht so, dass sie jetzt ein „Paar nur 1“ sind und alles wissen.

Ich denke, dass sie damit ganz gut umgehen können, soweit ich es einschätzen kann. Aber mein Russisch ist nach wie vor sehr begrenzt, um das wirklich immer zu verstehen.

Keine sprachliche Entwicklung?

Nein, ich komme in der Metro zurecht, ich kann lesen, ich kann im Supermarkt einkaufen, aber für das normale Gespräch reicht es immer noch nicht.

Aber es gibt immer noch jeden Tag Unterricht per Skype?

Nein, das mache ich nicht mehr. Ich war dann leider an dem Punkt, ab dem ich hätte sprechen müssen. Wenn ich mit dem Team unterwegs bin, dann bin ich einer der wenigen, der mit Englisch wirklich weiter helfen kann. Beim Training ist es immer die Frage: – sage ich es jetzt auf Englisch, weil ich weiß, dass sie es auch verstehen oder versuche ich innerhalb von fünf Minuten einen Satz auf Russisch herauszupressen, und der am Ende vielleicht völlig falsch ist.

In letzter Zeit spricht man viel über Doping und dass russische Sportler gar nicht zu Olympia fahren. Wie kann man als Trainer seine Sportler motivieren, mit diesen Gedanken zu trainieren? Denn am Ende kann es sein, dass es umsonst war… Kann man das im Training überhaupt ausblenden?

Ja, das ist schwierig, aber genau, wie gesagt, man muss es ausblenden. Solange die Entscheidung nicht wirklich fix ist, ist die Chance immer noch da. Das ist natürlich das Risiko. Meiner Meinung nach hat man zwei Optionen: Man könnte morgen nach Hause fahren, die Sachen auspacken und sagen: „ok, wir machen Ferien, weil es kann sein, dass wir eben nicht fahren“.  Die Option Nummer zwei wäre – wir machen weiter und wir gehen davon aus, dass wir hinfahren. Besonders bei Hochleistungssportlern sollte diese grundsätzliche Frage nach der Motivation gar nicht gestellt werden. Man muss 100 Prozent liefern, es ist egal was passiert, ich tue es einfach. Vielleicht ist es eine Lebenseinstellung bzw. eine Grundeinstellung aber es ist auch ein Job.

Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit dem russischen Verband? Wirst Du auch nach den Olympischen Spielen mit russischen Paaren arbeiten?

Wir haben bis jetzt noch nicht darüber geredet, weil der Focus, logisch, auf den olympischen Spielen liegt. Danach werden wir schauen, wie es weiter geht, wann es weiter geht. Von meiner Seite gibt es Interesse weiter zusammenzuarbeiten, es gibt für mich keine negativen Punkte.

Was macht Dein Unternehmen Justmove, sind neue Sportler dazu gekommen?

Es gibt immer einen Wechsel. Wir haben jetzt Alexey Mishin kontaktiert, es geht um Sportler, die er betreut. Aktuell sind es Elizaveta Tuktymasheva, und Alexander Petrov, die wir auch vermitteln werden. Hinzu kam eine Schweizer Eislaufgruppe. 4 – 5 ehemalige Hobbyeiläuferinnen haben sich mit einem Musiker, der Klavier und Geige spielt, zusammengeschlossen. So können sie Zuschauer in eine Fantasiewelt entführen.

Sarah Meier macht auch mit. Ein anderer Aspekt unserer Arbeit: Im letzten Jahr hatten wir erstmals ein einwöchiges Paarlaufcamp in Engelberg in der Schweiz veranstaltet. In diesem Jahr wollen wir es wieder organisieren. Das ist ein kleiner Ort ähnlich wie Oberstdorf, auch in Bergen gelegen. Wir haben dort eine Supereishalle zur Verfügung, und die Betreiber der Eishalle sind sehr an uns interessiert. Ein Ziel wäre es, in der Schweiz ein Developmentcamp für Paarlauf zu eröffnen.

Es ist gut für Familien, vor allem für jüngere Sportler. Sie werden mit den Eltern zum Urlaub kommen, die Eltern gehen wandern, und die Sportler trainieren.

Was Ähnliches wie IceDom in Oberstdorf?

Ja, für uns ist es auch super, wir wohnen nur eine Stunde entfernt und sind schnell in Engelberg. Es ist egal, wo man so etwas veranstaltet, Hauptsache es funktioniert.

Kann dieses Projekt irgendwann zu einer eigenen Eisschule werden?

Als eigene Eisschule, die über das ganze Jahr in Engelberg stattfindet – das denke ich nicht. Aber ab Sommer 2019 könnten wir es vielleicht auf zwei Wochen verlängern. Im Paarlauf gibt es jetzt 2 Development Veranstaltungen: in Berlin und in Russland. Der langfristige Plan wäre, einen Blitzevent dazu zu nehmen, dass die Sportler, die das nutzen möchten und die Verbände im Sommer 3 verschiedene Orte haben, die sie wählen.

Robin Szolkowy will Fans zusammenbringen

Was gibt es noch Neues?

Ich bin gerade beim Aufbau von Eiskunstlauf-Merchandise. Eiskunstlauf hat weltweit so viele Fans. In Westeuropa oder Amerika hat jeder schon einmal auf dem Eis gestanden. Wenn man vom Fußball spricht, dann haben viele Fans einen Schal von ihrer Mannschaft oder ein Trikot von ihrer Lieblingsmannschaft. Bei der Formel 1 ist es genauso. Man sieht genau, dass ist ein Fanblock von XY schon an der Kleidung. Im Eiskunstlauf gibt es so etwas überhaupt nicht.

Wenn man beispielsweise ein Fan von Javier Fernandez wäre, müsste man ein T-Shirt von ihm anhaben?

Genau!

Ich glaube, die Fan Clubs machen es für sich…

Ja. Ich habe im Frühjahr aus diesem Grund mit einem jungen Mann aus Russland gesprochen. Eigentlich hatte ich diese Idee lange schon, aber ich hatte keine Zeit, um sie umzusetzen. Er hat schon angefangen, er hat bereits Kontakte geknüpft. Die Fragen wie – welche T-Shirts machen Sinn, wo wird produziert, das hat er schon geklärt. Wir sind jetzt beim Aufbau und akquirieren die Eiskunstläufer. Wir hoffen vor der EM und der WM mit den ersten Produkten fertig zu sein und können in den Verkauf gehen. Mein Partner heißt Alexander Plotnikov und er war auch Eiskunstläufer. Sein Shop heißt Figurka, vielleicht wird es auch unter diesem Namen weiterlaufen.

Wie wird es funktionieren?

Die Idee ist, dass wir ab der nächsten Saison, also 2018-19 bei Eislaufshows und bei GPs mit einem Verkaufstand vor Ort sind. Bleiben wir bei dem Beispiel Fernandez. Wenn z. B. jemand in der Eishalle ist und schaut sich die Wettkämpfe an, und findet Javier toll. Dieser Eiskunstlauffan geht in der Pause durch die Gänge, sieht den Stand und denkt: „Cool, dann kaufe ich ein T-Shirt mit Javier Fernandez“, so wird er sein Fan.

Was, wenn jemand mehrere Eiskunstläufer mag, soll er mehrere Shirts kaufen und während des Wettbewerbs wechseln?

(lacht) Meinetwegen kann man auch mehrere, 10 oder 20 T-Shirts kaufen…

Ja, zu den Wettkämpfen in Moskau kommt man beispielsweise mit 20 Landesfahnen in die Eishalle…

Kenne ich! Die Idee ist ja noch neu, es ist gut, dass ich auch bei den Wettkämpfen selber dabei bin und die meisten Sportler kennen mich noch. So habe ich den direkten Draht und kann mit ihnen kommunizieren. Man trifft sich immer wieder mit Eiskunstläufern und fragt nach, ob es Interesse gibt.

Das heißt, dass die Sportler auch finanziell etwas davon haben?

Definitiv.

Und wenn jemand die gleiche Idee hat?

Diese Gefahr besteht immer, aber ich könnte mir jetzt auch einen Mercedes kaufen, ihn zerlegen, das Auto neubauen und „Robin“ nennen. Aktuell sind Tanja und Maxim, Fedor und Xenia, natürlich auch Evgenia und Vladimir daran interessiert.

Bisher nur russische Sportler?

Es geht weiter. Jetzt haben wir Brian Joubert, Amodio, Chafik, Megan und Eric. Ich will die Angebote international unterbreiten, das man nicht sagt – „oh das sind nur Russen!“ Aljona und Bruno sind z B. auch dabei!

Dabei heißt -interessiert?

Tanja, Max, Fedor, Xenia, Joubert, Amodio, Chafik –  die sind fix. Bei der deutschen Meisterschaft sollte es eine kleine Kollektion geben, wenigstens für die Läufer, die bereits mehrfach deutsche Meister geworden sind. Das kann man in den kommenden Jahren ausbauen. Und wen ein spezielles Event angesagt ist, z. B. eine Eislaufshow, oder eine Show Tournee, kann man spezielle Angebote zusammenstellen.

Dann könnte man in dieser Hinsicht auch mit Fanclubs zusammen arbeiten. Die größten sind, so viel ich weiß, bei Plushenko, bei Joubert – ist es definitiv LMDJ.

Das können wir später auch tun. Zunächst knüpfen wir den Kontakt direkt mit dem Sportler. Es geht natürlich darum, dass die Sportler auf T-Shirts sind, und sie müssen entscheiden, welches Motiv oder eine Aussage sie am liebsten haben möchten. Der eine sagt – das ist mir egal. Dann gibt es einen, der sich am liebsten mit Schlittschuhen sieht. Der dritte will nicht mit Schlittschuhen, sondern mit Sonnenbrille und einem Spruch präsent sein. Hauptsache, dass die Sportler sich wohl fühlen. Und wenn das läuft, dann wäre der nächste Schritt die Fansclubs.

Bisher hat man keine Möglichkeit, relativ schnell so ein T-Shirt zu besorgen. Wenn ich ein T-Shirt mit Joubert möchte, dann muss ich mich zunächst im Internet orientieren. Wenn ich etwas von Plushenko möchte, muss ich wieder lange suchen. Es gibt keinen einheitlichen Ansprechpartner, dem ich sagen könne: Ich möchte ein T-Shirt mit Joubert und einen Schal mit Plushenko.

Das hilft wohl auch diese Sportart zu popularisieren…

Ja, ich denke schon. Wenn ich jemanden mit dem Schriftzug „Bayern München“ sehe, das ist völlig normal. Warum sollte es nicht im Eiskunstlaufen so sein, dass man in die Eishalle kommt und sieht ganz klar – der ist Fernandez Fan, das ist ein Yuzuru Fan… Sie können sich trotzdem nebeneinander setzten, sich darüber unterhalten, sich outen und über Eiskunstlauf kommunizieren…

Vielen Dank für das Interview!

Alexandra Ilina, Grenoble

" Alex : ."

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