Alina Zagitova stürmt Senioren-GP wie einst ihre Manschafts-Kolleginnen. Erster GP in China – ein Sieg, zweiter GP in Frankreich – ein Sieg. Nun steht sie im GP-Finale. Die russischen Journalisten vergleichen sie ständig mit dem Eiskunstlaufstar Evgenia Medwedewa. Doch Alina steht erst am Anfang ihrer Karriere, das sind die ersten Schritte, die sie auf der ganz großen Bühne macht und sie fasziniert Menschen aus aller Welt. Sie ist die einzige Eiskunstläuferin, die alle ihre Sprünge in der zweiten Hälfte des Programms zeigt, was ihr viele Pluspunkte garantiert. Doch wie schwierig ist es? Wie kommt sie mit diesem neuen Druck und der Popularität klar?

Alina, wie würdest Du deinen Auftritt bei dem zweiten GP in Grenoble einschätzen?

Es hat mir sehr gut gefallen, bei den Senioren GP-Etappen zu laufen. Diesmal klappte es nicht so gut im Kurzprogramm, die Kür war aber gelungen und das hat mir viel Spaß gemacht.

Welche Etappe war für Dich schwieriger?

Das kann ich nicht so genau sagen. Ich würde sagen – jede war schwierig! Aller Anfang ist schwer.

In China hast Du gesagt, dass Du nervös warst, weil die Atmosphäre für Dich neu war. Wie war es in Frankreich?

Psychisch gesehen war es diesmal schwieriger, das Kurzprogramm zu laufen. Die Kür fällt mir leichter, weil sie im letzten Jahr gestaltet wurde und ich dieses Programm bereits zwei Jahre laufe.

Heißt es, dass das Kurzprogramm noch nicht genug geschliffen ist oder ist es generell schwieriger zu laufen? 

Dieses Programm fällt mir einfach schwerer als die Kür. Obwohl ich es bereits etwa 100 Mal von Anfang bis zu Ende gelaufen bin und die Schrittfolge mehrfach wiederholt habe. Ich kann es nicht erklären, was da los ist.

Du hast zwei verschiedene Rollen in diesen Programmen. Welche ist dir persönlich näher?

Ich würde sagen – die vom Kurzprogramm. Zunächst laufe ich zu der Musik aus der Schwanensee. Der weiße Schwan wird geboren und bei der Schrittfolge im Programm bricht er zusammen. Im Leben muss man Härte zeigen. Und nicht nur weil der weiße gute Schwan sich im Laufe des Programms in einen bösen Schwarzen verwandelt, der sich durchsetzt. Auch im Leben kommt man ohne Härte nicht durch. Man muss sich durchsetzen. Sonst kann man nichts erreichen. So sind jetzt die Menschen – kompliziert.

Hast du bereits im Leben Härte gezeigt?

Ja, bei den Wettkämpfen. Man trainiert etwas, und im Wettkampf auf dem Eis muss man alles zeigen. Und man sagt zu sich selbst – „ wartet, jetzt komme ich und zeige es euch!“…

Du bist aber eher ein ruhiger Mensch?

Ja schon, aber im Sport bin ich anders. Weil es eben der Sport ist.

Beim GP in China hast Du gesagt, dass Du Carolina Kostner magst. Aber sie ist eher ein ruhiger Typ.

Ich kenne sie nicht persönlich. Ich habe nie mit ihr gesprochen. Ich kann ihren Charakter nicht einschätzen.

Gibt es Sportler, an denen Du dich orientierst?

Das sind die Turnerinnen. Ich habe bereits in einem Interview gesagt, dass ich Alina Kabaeva mag. Ich habe ihre sportliche Karriere zwar nicht verfolgt, weil ich noch klein war. Aber ich weiß, dass sie es im Leben nicht leicht hatte und Schwierigkeiten überwunden musste. (Alina Zagitova wurde nach Alina Kabaeva genannt – Anm. der Red.)

Wenn Du Alina persönlich kennen lernen würdest, was würdest Du sie fragen?

Ich würde sie etwas nach dem Sport fragen, wie sie mit Nervosität und Verletzungen klar gekommen ist. Wir würden über das Leben sprechen. (lächelt)

Wie kommst Du mit Deiner Nervosität klar?

Vor dem Start bin ich immer aufgeregt. Aber wenn ich meine Anfangsposition auf dem Eis einnehme, beruhige ich mich. Die Nervosität ist weg und ich bin in mich selbst gekehrt. Genauso ist es beim Training. Ich weiß genau, was ich tue.

Spürst Du die Unterstützung der Zuschauer?

Ja. Nach der Pirouette habe ich einen musikalischen Akzent und die Zuschauer beginnen zu applaudieren. Und wenn ich dies höre, denke ich „Oh, und jetzt zeige ich noch den Sprung“- das macht Mut!

In der Kür hast Du alle Sprünge in der zweiten Hälfte des Programms platziert. Auch das Tempo wird immer schneller. Ist es schwer dies physisch durchzuhalten?

Ich habe so trainiert. Zunächst war es schwer. Ich konnte kaum die Schrittfolgen machen. Aber dann wurde es immer leichter und leichter.

Wenn wir wieder von dem Kurzprogramm sprechen, was muss man unternehmen, damit man die Angst vor Fehlern überwindet?

Ich muss das Programm im Training häufiger laufen, damit ich mich sicherer fühle. Wir müssen etwas ändern, das ist klar, dass ich mich dabei sicherer fühle.

Wie bist Du eigentlich zum Eislaufen gekommen?

Mein Vater ist Eishockeytrainier und hat viel für diese Sportart getan und tut es immer noch. Ich bin aber ein Mädchen wie sollte ich denn Eishockey spielen? Deshalb wurde eine Sportart auf dem Eis für mich ausgewählt.

Wie alt warst Du damals?

Ich weiß es nicht so genau. Ab fünf war ich dabei, aber das war so, das ich zwei Tage trainierte und dann plötzlich drei Wochen nicht mehr. Ab dem siebten Lebensjahr trainierte ich schon professionell.

Wie schaffst Du es, Schule und Sport zu vereinbaren?

Gar nicht. Früher hatte ich Training von 6 oder 7 Uhr morgens und dann ging ich in die Schule. Nach der Schule habe ich etwas gegessen und ging wieder zum Training. Bis 12 Uhr abends machte ich dann meine Schulaufgaben.

Haben Deine Mitschüler Dir bereits zu diesem Sieg gratuliert?

Meine Schulfreude leben ja alle in Iževsk. In Moskau bekomme ich Privatunterricht und habe keine Kommunikation zu den Schulfreunden. Ich bin daran noch nicht gewohnt. Aber meine beste Freundin hat mir schon gratuliert.

Fehlt Dir diese Kommunikation mit den Gleichaltrigen?

Ja. Diese Freundin fehlt mir, aber jetzt plant sie nach Moskau zu ziehen und ich hoffe, dass wir uns dann öfter treffen.

Du hast Dich für das Finale qualifiziert. Was erwartest Du dort?

Ich muss mein Kurzprogramm gut laufen, bzw. beide Programme gut laufen, ich weiß, woran ich noch zu arbeiten habe. Aber generell sind alle Wettkämpfe wichtig. Zum ersten Mal war ich als Juniorin im letzten Jahr bei einem Finale, und das war bereits etwas Besonderes für mich. Ich habe zum ersten Mal die anderen Sportler, die älter sind, gesehen – Schoma Uno, Javier Fernandez, Juzuru Hanyu. Und als ich das gemeinsame Training vor der Gala mit ihnen hatte, war ich überwältigt.

Inwiefern?

Ich war fasziniert, dass sie auf dem Eis vor mir standen und ich konnte meinen Augen nicht trauen.

Jetzt aber hast Du Dich bereits daran gewöhnt?

Noch nicht. Ich bin fasziniert, dass sie so lange Eislaufen, dass sie so viel in diesen Sport investiert haben und es immer noch tun.

Du hast eine interessante Show-Nummer. Kannst Du ein wenig davon berichten?

Ich stelle eine Feuerdienerin dar. Die Nummer wurde von Daniil Gleihenhaus und Eteri Tutberidze choreografiert. Eteri Georgievna hat auch das Kostüm gewählt. Das Programm ist etwas Neues für mich.

Es sieht auch sehr schön aus. Du hast auch eine Kerze auf dem Eis…

Ja, wie es vor mehreren Jahrhunderten war. Menschen brauchten das Feuer, um zu überleben. Das Feuer galt als heilig. Und sie versuchten alles zu unternehmen, dass das Feuer nicht erlischt. Sie beschützten es.

Ja, in diesem Programm sehen wir eine ganz andere Alina.

Meine Trainer haben mir bereits angedeutet, dass ich künftig andere Programme mit einem anderen Stil zeige. Aber was genau, weiß ich noch nicht.

Und was würdest Du selbst gerne zeigen? Gibt es eventuell eine Musik, zu der Du gerne laufen würdest?

Ich mag klassische Musik, aber sie muss nicht langsam sein. Ich würde gerne auch zu einem Tango laufen. Ich fühle diese Musik gut und als ich klein war, lief ich dazu und habe für die gute Choreographie Preise gewonnen. Ein Tango ist ein spezifisches Programm.

Spürst Du bereits den Druck nach Deinen Siegen und die Aufmerksamkeit der Presse? Liest du diverse Foren?

Ich mag es sogar. Aber ich versuche nichts zu lesen. Jetzt werde ich ständig mit Evgenija Medwedewa verglichen, man verursacht damit auf uns beide Druck. Aber die Menschen verstehen nicht, dass wir in einer Gruppe trainieren und wir Ruhe bewahren müssen, um uns auf die Wettkämpfe vorbereiten zu können.

Kommunizierst Du mit Evgenia?

Ja, klar!

Kommunizierst Du auch mit Fans, vielleicht via Social-Media?

Ja. Manchmal stellen sie mir Fragen und ich beantworte sie. Sie fragen nach meinen Programmen, ob ich sie mag, es ist interessant eine andere Meinung zu haben. Ich habe auch sie gefragt, wie ich meine Chinchillas nennen soll. Ich habe so viele Vorschläge bekommen! Ich weiß gar nicht, welchen Namen ich wählen soll. Ich wollte schon immer ein Tier haben, mit dem ich schmusen kann. Manchmal lasse sich sie aus dem Käfig und dann renne ich durch die ganze Wohnung, um sie wieder einzufangen.

Und wenn Du bei den Wettkämpfen bist, wer kümmert sich um die Tiere?

Meine Oma. Sie wohnt mit mir in Moskau, jetzt sind auch meine Mutter und meine Schwester dazu gekommen. Ich wollte diese Tiere immer haben, sie sind wie Eichhörnchen. Ich kaufe ihnen Leckereien, und zwar ziemlich viel. Jetzt sind sie dick und fett geworden. Und ich sage ihnen – „esset, esset, bitteschön, ihr müsst ja nicht springen, wie ich!“

Vielen Dank für das Interview!

Alexandra Ilina, Grenoble