Lambiel – Der Trainer

img_6382-1Der lettische Eiskunstläufer Deniss Vasilievs und sein neuer Trainer der zweifache Weltmeister Stephane Lambiel kamen zu GP Rostelecom Cup. Vor Jahren feierte der berühmteste schweizerische Eiskunstläufer in Moskau seinen größten Sieg. Heute kehrte er in einer neuen Rolle zurück. In diesem Interview berichtete er von seinen Empfindungen, neuen Erfahrungen und zeigte sich von einer ganz neuen Seite: Stephane Lambiel als Trainer…

Stephane, als Choreograf waren sie bereits bei einigen Wettbewerben mit dabei. 

Ja, z. B. mit Denis Ten…

Aber als Trainer sind Sie zum ersten Mal bei Rostelecom Cup in Russland mit Deniss Vasiļjevs. Was bedeutet es für Sie, diese neue Erfahrung, als Trainer bei einem großen Wettbewerb dabei zu sein?

dsc_0223-1Das ist etwas Neues für mich. Ich meine vor allem die große Verantwortung, die damit verbunden ist. Als Choreograf arbeitest Du mit Eiskunstläufern vorwiegend in der Off-Saison, meistens sind es nur vier Tage. In dieser Zeit arbeiten wir zusammen, haben dabei Spaß, verschiedene Dinge auszuprobieren, aber nach vier Tagen gehe ich fort und wahrscheinlich sehe ich diese Sportler nicht mehr wieder. Mit anderen Worten: Die Choreografie ist keine Vollzeitstelle.

Und als Trainer?

Als Trainer muss Du hart sein, muss Sportler motivieren, sie immer begleiten, denn: In deinen Händen liegt wirklich Viel, manchmal sogar ein ganzes Sportlerleben. Deshalb kümmere ich mich so viel um sie, und zwar nicht unbedingt um sie als Sportler, sondern um sie als Menschen. Das ist so, wie auch Piter (Grüttner – Trainer von S.L. – Anm.- Red) mich während meiner Karriere begleitete, er hat zwar nie darüber gesprochen, aber er hat mir eine Ausbildung für das Leben mitgegeben, nicht nur im Eiskunstlauf.

img_6090Stehen Sie heute unter Druck?

Ja, der Druck ist groß und die Verantwortung auch. Ich sah, wie Deniss großgeworden ist, jetzt ist er 17, er ist jung, er lernt viel. Seine Ergebnisse sind gut, ich freue mich immer, wenn er ein höheres Niveau erreicht. Ich glaube, wir bleiben auch später miteinander verbunden. Das ist Verantwortung so wie die Eltern sie tragen.

Aber es macht Ihnen Spaß?

Ja, klar! Ich mag es! Wenn ich es nicht mögen würde, würde ich heute hier nicht stehen.

Mit wie vielen Sportlern arbeiten Sie zur Zeit zusammen?

Ich habe junge Läufer in meinem Team, ich trainiere acht Eiskunstläufer, die das nationale Niveau erreicht haben. Aber sie sind noch nicht bereit, bei internationalen Wettbewerben aufzutreten und ich trainiere Deniss. Ich bewundere Trainer, die mit mehreren Läufern auf dem Top-Level arbeiten. Heute hatte ich den Eindruck, dass ich selber laufen sollte. Das war….. Ufffff. (lacht) Es ist gut, wenn man diese Verantwortung mit jemandem teilen kann, aber wenn der ganze Druck auf eigenen Schultern liegt, ist es schwierig. Heute habe ich meinen Rucksack mit – kann nirgendwo lassen – da ist wie die ganze Verantwortung.

Welche Wettbewerbe sind noch geplant?

Wir fahren nach Japan und ich bin noch nicht sicher, ob wir beim Warsaw Cup auftreten werden, weil die Organisatoren den Zeitplan geändert haben. Ursprünglich sollte die Veranstaltung am Freitag und Samstag stattfinden, jetzt ist sie für Samstag und Sonntag geplant. Aber bereits am Montag müssen wir nach Japan fliegen, eventuell müssen wir die Tickets umbuchen, aber das steht noch nicht fest.

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Waren Sie sehr nervös an der Bande?

Gestern war ich gar nicht nervös, ich war sehr ruhig, dass ich selber erstaunt war, bis ich die Wertung sah. Als ich die Punkte sah, muss ich zugeben, dass ich überrascht war. Als Eiskunstläufer habe ich nie darauf geachtet, ich habe einfach alles akzeptiert. Als Trainer hast Du einen etwas anderen Blick und eine andere Herangehensweise. Das ist eine grosse Veränderung für mich. Heute ist das für mich sehr wichtig, um verstehen zu können. Es gibt verschiedene Sichtweise und Preisrichter, und ich muss meinen Job entsprechend anpassen.

 Und heute?

Heute war ich nervös, ich sagte – wir müssen vorsichtig sein, aber dabei ruhig bleiben. Heute hatte ich Bauchschmerzen, ich wachte mit Kopfschmerzen auf und habe bis jetzt sie. Aber ich möchte nicht meine Nervosität an Deniss weitergeben, ich habe ihm nichts gesagt. Ich fühlte mich, als ob ich jetzt auftreten sollte, ich habe sogar ihm einige Übungen mit der Stimme empfohlen, wie kann man bei so einem speziellen Augenblick noch helfen? Und er guckte mich an und fragte – was willst Du denn von mir jetzt? Was soll ich tun? (lacht)

Heißt es, sie unterstützen ihn nicht nur auf dem Eis…

Ja, wie ein Mentor, so wie es Peter Grüttner für mich war.

Haben Sie die Musik „4 Seasons“ für seine Kür ausgewählt?

Nein, das hat Alexey noch in Sochi getan.

Warum haben Sie sich überhaupt entschieden, mit Deniss zusammen zu arbeiten?

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Das war eine Fügung, Schicksal, würde ich sagen. Vor drei Jahren sah ich einige Videos von ihm und dachte: endlich ein Läufer, der anderes ist. Vor drei Jahren habe ich Feuer gesehen, etwas, was ihn von anderen unterscheidet. Ok, heute sah er wie ein Zombie aus, das war nicht Deniss, den ich kenne. Er ist nicht sauber gelaufen, ich sagte zu ihm: „Heute machst Du dein Programm und beim nächsten Mal fügst Du Emotionen hinzu!“ Dann hielt ich einen Vortrag bei den Olympischen Spielen für Jugendliche und sprach von verschiedenen Zielen im Leben eines Eiskunstläufers. Vor allem nachdem die aktive Karriere beendet ist, fühlt man sich leer und weiß nicht, wie es weiter gehen soll. Deniss hörte sehr aufmerksam zu und meldete sich zu Wort. Nach der Konferenz kamen wir ins Gespräch und ich lud ihn zu meiner Show ein. Er trat bei der Show auf, wir sind Freunde geworden, dann fragte er mich, ob ich für ihn die Kür choreografiere. Als das Programm fertig war, fragte er auch, ob ich mit ihm an dem Kurzprogramm arbeite. Als er zu mir kam, wusste er nicht, wie und wo er trainieren muss. Er hat sich von seinem Trainerteam in Sochi getrennt und fragte nach, ob ich sein Trainer werden könnte. Wir haben viel gesprochen, weil verschiedene Fragen geklärt werden mussten. Vor allem, wie kann man ihn unterstützen, dass er in der Schweiz leben kann. Aber ich bin glücklich, ihm helfen zu können. Er ist ein wunderbarer Mensch und ich werde mich freuen, wenn es klappt, etwas Gutes für ihn aufzubauen – für ihn, für seine Karriere und für sein Leben.

Vielen Dank für das Gespräch!

Alexandra Ilina aus Moskau

Japanisch